TÜV-Nord: Hilfe gegen die Angst

Dichter Verkehr auf der Landstraße. Der Puls steigt, das Herz klopft wie wild. Die Kehle wie zugeschnürt, das Atmen fällt schwer. Schwindelgefühle, Pudding in den Beinen. Ist das ein Herzinfarkt? Oder falle ich jetzt in Ohnmacht? Solche Symptome und Gedanken sind typisch für Panikattacken.

„Viele Betroffene wissen gar nicht, dass diese Beschwerden psychisch begründet sein können“, sagt der Diplom-Psychologe Klaus Peter Kalendruschat vom TÜV-Nord. Sofern sich die Ängste allein aufs Autofahren beziehen, handle es sich in der Regel um eine so genannte spezifische Phobie, wie bei der Angst vor Höhen oder vor Spinnen. Kommt es auch in anderen Situationen zu Panikattacken, sind diese oft Ausdruck einer Panikstörung.

Wer davon betroffen ist, leidet unvermittelt und scheinbar ohne Anlass an bestimmten Orten, etwa im Bus oder beim Einkaufen an der Kasse, unter massiven körperlichen Beschwerden. Dabei fürchtet er zum Beispiel, in Ohnmacht zu fallen, einen Herzinfarkt zu bekommen oder anderweitig die Kontrolle zu verlieren.

Als „Zündung“ für Panikattacken genügt beim ersten Mal schon ein hoher Stresslevel. Dann können sich panische Gedanken und körperliche Symptome gegenseitig aufschaukeln. Bei der nächsten Fahrt kehrt womöglich die Erinnerung an die letzte Panikattacke zurück. Das allein reicht, um Unbehagen und leichte Missempfindungen hervorzurufen. „Die Angst vor der Angst wird selbst zum Auslöser“, erklärt Kalendruschat. „In den Körper hineinhorchen und gedanklich um etwaige Symptome kreisen –  das ist wie Treibstoff für Panikattacken.“

Eine weitere Quelle von Fahrängsten sind soziale Phobien. Die Betroffenen befürchten, sich vor Beifahrern oder anderen Verkehrsteilnehmern zu blamieren, beispielsweise beim Einparken oder wenn sie an der Ampel den Motor abwürgen. Außerdem gibt es Menschen, die unter einer generalisierten Angststörung leiden. Sie sorgen sich in einer Vielzahl von Lebensbereichen übermäßig vor möglichen Risiken, und manche fürchten sich auch vor potenziell gefährlichen Situationen wie dem Straßenverkehr.

Besonders nachvollziehbar sind Fahrängste von Menschen, die bei einem Autounfall verletzt wurden und daraufhin eine so genannte Posttraumatischen Belastungsstörung entwickelt haben. Selbst wenn der Unfall von außen betrachtet nicht lebensbedrohlich war: Ein heftiger Schreckmoment kann genügen, um Körper und Psyche chronisch in Übererregung und Wachsamkeit zu versetzen. Die Gedanken an den Unfall drängen sich dann beim geringsten Anlass, etwa einem Reifenquietschen, immer wieder ungewollt ins Gedächtnis. Die Erinnerungen können so intensiv sein, dass die Betroffenen meinen, der Unfall würde sich in diesem Moment tatsächlich erneut ereignen.

Fahrängste können sich auf bestimmte Situationen beschränken, wie den Stadtverkehr oder  Autobahnen, Tunnel oder Brücken, Fahrten in der Nacht oder bei Nebel. Sie können sich aber ebenso über eine Vielzahl von Situationen erstrecken. Ob Ängste auftreten und wie schnell sie wieder verschwinden, hängt auch von der Tagesform ab. Doch in jedem Fall gilt: Am Steuer eines Fahrzeugs können Ängste ein Risiko darstellen, zum Beispiel, wenn sie die Aufmerksamkeit vom Straßenverkehr ablenken.

Laut den medizinischen Behandlungsleitlinien für Angststörungen leiden rund 15 Prozent der Deutschen im Lauf eines Jahres an einer Angststörung. Am verbreitetsten sind spezifische Phobien. „Wie viele Menschen unter Fahrängsten leiden, ist allerdings unbekannt. Die Dunkelziffer dürfte groß sein“, sagt Klaus Peter Kalendruschat. Wer nicht auf das Auto angewiesen ist, beschränkt sich vielleicht auf kurze Strecken in vertrauter Umgebung oder verzichtet sofern möglich aufs Fahren. Auf diese Weise können sich allerdings auch leichte Fahrängste zu einer Agoraphobie auswachsen: dem Vermeiden bestimmter Orte oder Aktivitäten – aus Angst vor der Angst.

So weit muss es jedoch nicht kommen. „Ängste lassen sich in der Regel gut psychotherapeutisch behandeln“, weiß der Diplom-Psychologe vom TÜV-Nord. In jedem Fall sollte man die Beschwerden medizinisch abklären lassen, um eine körperliche Erkrankung, etwa am Herzen, auszuschließen, rät Kalendruschat. Um eines Tages wieder gelassen am Steuer zu sitzen, brauche es aber noch etwas: den Mut, sich seinen Ängsten zu stellen und professionelle Hilfe zu suchen.